Leserbrief in der NZZ von Christoph Landolt

Christoph Landolt, Zürich

Einen eigenartigen Artikel schreibt Stefan Betschon zum 15. Geburtstag der Wikipedia. Ja, «Sockenpuppen» (Zweitkonten) und bezahlte Artikel gibt es, aber die dominieren die Wikipedia keineswegs und werden in der Regel auch aufgedeckt. Ja, bei umstrittenen Personen oder Ereignissen mag die Neutralität leiden – aber wo ist das bei heiklen Themen denn nicht der Fall? So gesehen, ist die Wikipedia eigentlich ganz erstaunlich neutral. «Die meisten Wikipedia-Autoren arbeiten anonym» – das stimmt nur oberflächlich betrachtet. Tatsächlich benutzt man Spitznamen, aber in jeder Grossregion gibt es regelmässige Stammtische, die öffentlich angekündigt werden und an denen auch Stefan Betschon anwesend sein kann.

«Die wenigsten Nutzer wissen, wie Wikipedia-Inhalte zustande kommen» – daran sind sie selber schuld. Ich wüsste nicht, in welchem Medium die Entstehungsgeschichte von Publikationen offener wäre als in der Wikipedia. Über jedem Artikel finden sich Reiter wie «Diskussion» und «Versionsgeschichte», wo jedermann – ob angemeldeter Benutzer oder nicht – minuziös nachvollziehen kann, wie der Artikel entstanden ist.

Es sollte «drei, vier, viele Wikipedias» geben? Das ist ja schon der Fall! Ich wechsle durchaus zwischen der deutschsprachigen, der alemannischen, der englischsprachigen, der niederländischen, den skandinavischen usw. hin und her, wenn ich zu einem Thema den informativsten Artikel haben will. 

Das Problem hingegen, das für mich im Vordergrund steht, spricht Stefan Betschon gar nicht an: Die Wikipedia ist über weite Teile eine Laien-Enzyklopädie, denn längst nicht in allen Gebieten machen die Spezialisten mit. Warum nur? Fühlen sie sich zu erhaben, weil sie dort «für das Volk» schreiben müssten statt für die wissenschaftliche Community? Fühlen sie sich zu exquisit und fürchten sich davor, dass andere mitreden können? Kommt es nicht infrage, weil die Wikipedia-Arbeit im Lebenslauf nicht karrierewirksam aufgelistet werden kann? Sind sie einfach zu träge? Oder möchten sie – was ich nachvollziehen kann – Arbeit und Freizeit strikte trennen?

Ich jedenfalls hatte mich einst über die fragwürdige Qualität vieler Artikel aufgeregt. Statt aber darüber zu lästern, habe ich beschlossen, selber aktiv mitzumachen. Das möchte ich eigentlich jedem und jeder Enzyklopädie-Interessierten ebenfalls empfehlen.